Woher kommt altruistisches Denken und Handeln?

Heute hatte ich mit einer Kollegin an der EBS Business School in Oestrich-Winkel ein interessantes Gespräch über Elite und Studenten an selbsternannten Elite-Universitäten. Vor allem ging es um das mangelnde Sozialengagement selbiger jungen Menschen und dass sie sich eigentlich nur dann „sozial“ einbrächten, wenn es auch eine Gegenleistung, ein Incentive für sie gab. Karin sagte, dass ein soziales Denken vor allem mit der hauswirtschaftlichen Situation einer Familie zu tun haben könnte. Dass diejenigen, die zu viel haben, realitätsfremd und in ihrer eigenen Welt lebten (worin ich mit ihr übereinstimme), wohingegen solche, die nichts oder sehr wenig hätten, so sehr mit ihrer Existenz kämpfen müssten, dass sie gar nicht groß Zeit fänden, altruistischen Dingen gedanklich nachzugehen, geschweigen denn in die Tat umsetzten. Schließlich müssen sie selber ums Überleben kämpfen. Sprich, jemand aus sozial schwachen familien wird weniger darauf hin erzogen, sich in der Gesellschaft wohltätigerweise einzubringen.

Das brachte mich auf folgenden Gedankengang: Ich komme nicht aus einer Familie mit guten Verhältnissen. Mein Vater stammt aus überaus schlichten Verhältnissen. Bruder von zwei weiteren Jungen und Sohn eines Mexikaners aus der Stadt Veracruz, Grundschullehrer und Kommunist, sowie einer Mexikanerin mit indigenem Blut, schön, eitel und stolz und die gerademal die dritte Schulklasse besucht hatte. Sie war zwar nicht gebildet, dafür war sie aber fleißig und arbeitsam. Sie lernte schnell schneidern und brachte damit nicht selten das Geld, um für ihre Familie aufzukommen. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, dass mein Großeltern mit ihren Kindern in solch armen Verhältnissen gelebt haben. Vielleicht, weil es in der postrevolutionären Zeit in Mexiko ohnehin schwierig war, zu überleben? Weil sie etwa vom Land in die Stadt flüchten mussten, weil sie als Kommunisten verfolgt wurden? Oder gar weil ein Mann meine Großmutter auf einem Pferd enführen wollte, es aber nichgt gelang, weil sie schrie, tobte und wild umher schlug?

Fakt ist in jedem Falle, dass dieses von Prinzipien nur so strotzenden Paar mit ihren Söhnen in einer vecindad lebte. Das sind meist kolonialzeitliche Gebäude, die einen Innenhof haben, um den Zimmer angelegt sind. In einem dieser Zimmer wohnten sie zu fünft. Nicht oft, aber auch nicht gerade selten mussten sie spüren, was Hunger ist, was es heisst, arm zu sein und was es bedeutet, mit fünf Jahren schon arbeiten zu gehen.

Mein Vater lernte früh, den Frauen in der vecindad beim tragen der Einkaufstaschen zu helfen und sich so ein paar Groschen zu verdienen. Später brachter er seiner Mutter durch Schuhputzen Geld nach Hause. Und um die Oberstufe zu finanzieren verkaufte er Bücher und Zeitschriften von Tür zu Tür.

Er prügelte sich mit den elitären Schulkameraden des Colegio Madrid, einer Privatschule, dessen Gebühren er mit großem Arbeitsaufwand zahlte. Schnell erkannte er auch, dass Schuluniformen überhaupt nichts brachten, wenn es um Gleichgestellt sein ging. Wer es hatte, leistete sich zwei oder sogar drei Uniformen im Jahr, die dadurch stets tadellos aussahen. Wer arm war, konnte sich nur eine Uniform leisten, die sehr bald also verschlissen und die Farben verblichen war. Offensichtlicher konnte man Arme von Reichen nicht unterscheidbar machen.

Spott von den verwöhnten und verzogenen Presidentensöhnen, Jungen spanischer Herkunft, dessen Väter noch immer glaubten, Mexikaner seien gefälligst unterwürfig zu sein und allerlei anderer reicher Sprösslinger lernte er schnell zu schlucken oder sich zu wehren.

Später wurde er von der Militärschule geschmissen, weil er die stupiden Befehle seiner „Vorgesetzten“ Mitschüler nicht gedankenlos befolgen wollte und ging sodann auf eine öffentliche Oberstufe. Dort brach die 68er-Bewegung über ihn ein. Wobei das nicht das richtige Wort ist, denn er war aktiv im Geschehen dabei. Er war Anführer seiner Oberstufe und brachte es schnell in der Bewegung zu einer tragenden Rolle. Er fliehte mehrmals vor Polizei und entkam dem Militär, versteckt in Autositzen oder indem er in die Schluchten sprang. Dem Massaker am 2. Oktober 1968, geplant und durchgeführt von der autoritären Regierung Mithilfen des Militärs, Paramilitärs und unterstützt von der CIA, entkam mein Großvater, meine Onkel und mein Vater nur aus Glück: Einer von Ihnen war zu spät zum Treffpunkt gekommen und so waren sie spät dran, um den Anfang der Demo mitzubekommen. Als sie zum Platz der Drei Kulturen wollten, sahen sie überall nur noch Panzer, Militärs und bewaffnete Männer. Schnell machten sie kehrt und retteten sich vor einem der traurigsten Geschehen der mexikanischen Geschichte.

Auch wenn die 68er unterdrückt wurden, war das Interesse für eine gerechtere Welt in meinem Vater geweckt worden, obgleich es eigentlich schon immer da war. Sein Studium brachte er nie zuende, seine Karriere als Lehrer brach er ab, um in die Politik zu gehen, dann ging er dort weg, weil es zu gefährlich wurde und ging in die Wirtschaft. Tja, und heute ist er, könnte man so sagen, wieder in der Politik.

Mit sechs Jahren kam ich nach Deutschland, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Keine Grundschule wollte mich aus diesem Grunde aufnehmen, bis meine Mutter ihnen mit Klage drohte. Ich lernte schnell und passte mich halbwegs an. Doch dass wir nicht viel Geld zur Verfügung hatten, machte auch mich irgendwie anders als meine Schulkameraden.

Beim Faschingsfest wollte ich wie eine Prinzessin aussehen und bekam nur die Altkleider meiner Mutter und ein von was auch immer übrig gebliebenes Krönchen, das mir immer zur Seite weg rutschte, während alle anderen ihre schön geschnittenen Kostüme anhatten.

Meine Mutter stand nie mit uns morgens auf, um uns Frühstück zu machen oder das Pausenbrot zu schmieren und uns einen Apfel mit einem kleinen Tetrapack-Orangensaft in den Schulranzen steckte. Oft sah ich die so perfekt mit Tewurst geschmierten oder Salami belegten, zusammen geklappten Stullen meiner Klassenkameraden und fragte mich, mein unprofessionell dahin geklatschtes, selbgeschmiertes Toastbrot betrachtend, warum die sowas hatten und ich nicht. Wer machte es? Etwa sie selber? Und wie kriegt man so ein schönes Pausenbrot hin? Wer sorgte sich um den leckeren Apfel-, Orangen- oder Multivitaminsaft?

Auch meine Mutter war nicht aus einer reichen Familie. Zwar ist mein Großvater mal Diplomat gewesen, doch nachdem er meine Großmutter verließ und sie mit den fünf Kindern allein ließ, natürlich auch kaum oder gar nicht Unterhalt zahlte, musste meine Mutter und ihre älteren Geschwister ebenso schnell lernen, wie man zu Geld kommt.

Meine Mutter hat nur die zehnte Klasse absolviert, wanderte irgendwann nach Mexiko aus, hatte das Glück, bei einer der damals renomiertesten Zeitungen anzufangen und bekam praktisch gratis eine Journalistenausbildung mit auf den Weg. Heutzutage müssen Journalistikstudenten ewig als Volontär arbeiten, später dann mit einem niedrigen Lohn oder gar als Aushilfsjournalist tätig sein.

Zurück in Deutschland bekam sie eine Stelle bei dpa und hat es immerhin geschafft, sich durch ihr Können zu beweisen. Bis heute arbeitet sie in der Branche, hat auch schon ein Buch rausgebracht und bei mehreren mitgewirkt. Nun hat sie ihre eigene Zeitschrift und Reisejournal.

Geld hatten wir dadurch trotzdem nicht. Mit 15 habe ich zum ersten Mal gearbeitet. Heimlich. Denn ich war auf einem Internat und es war für Internatsschüler verboten zu arbeiten. Ich trug Zeitungen aus.

Dann mit 17 fing ich in einer Bäckerei als Verkäuferin an, um das Abi finanzieren zu können. Vor allem, als meine Mutter mich mit 18 rauswarf. Seitdem arbeite ich. Ich kenne es nicht anders. Ich will es nicht anders. Alle naslang stellte ich mir die Frage, wie ich mein Leben auch im nächsten Monat bewältigt bekam. Aber sollte das ein Grund sein, um weniger einfühlsam bei sozialen Fragen und Engagement zu sein? War ich auf Grund von Geldsorgen so sehr mit dem Überleben beschäftigt, dass ich deshalb keine Zeit hatte, Ungerechtigkeiten zu erfahren und deshalb auch altruistisch zu denken?

Nein, vielmehr widerspreche ich meiner Kollegin. Ich bin der Ansicht, dass soziale Verantwortung, Engagement und Altruismus nicht mit Geld zu tun hat, sondern mit Erziehung. Mir wurde von beiden Elternteilen eine gute intellektuelle Grundlage geliefert, ein großes Interesse für politisches Geschehen auf globaler Ebene und mein Verstand wurde von den Ungerechtigkeiten im Leben meiner Großeltern, meiner Eltern, als auch meines eigenen Lebens geschärft.

Wenn also Altruismus und soziales Denken Erziehungssache ist, kann man dann den Karriregeilen Studenten einer Privatuniversität überhaupt vorhalten, nicht sozial engagiert zu sein? Nicht wirklich. Vielmehr sollte man es den Eltern und der Bildungsinstitution vorwerfen. Doch diese, so habe ich ebenso die Erfahrung gemacht, kann schlecht mit Kritik umgehen, was wierderum ein Hindernis für Verbesserung darstellt.

Wie auch immer bin ich am Ende dann doch ganz froh, die zu sein, zu der ich geformt wurde, und das zu tun, wovon ich überzeugt bin: gutes tun, um allen zu helfen. Nicht nur mir selbst.

 

April 2012

©Kirsten Liliane López Lüke

Kirsten LukeComment