Und täglich grüβt der Zahnarzt

Heute habe ich wieder einmal Gebrauch von einem dieser Gutscheine gemacht. Nicht etwa wie sonst für irgendeinen Schnick Schnack, den frau eigentlich nicht braucht, sondern für etwas sehr Nützliches und durchaus Notwendiges (wie sich im Übrigen herausstellte). Dieses Mal führte es mich zur professionellen Zahnreinigung mit ultra moderner Technik. Statt den sonst so rudimentären und von mir verhassten Schleifmaschinen, die sich nicht nur furchtbar anfühlen und den ganzen Mund zerschürfen, sondern sich zudem auch noch extrem wiederlich anhören – so in etwa wie wenn man mit Fingernägeln über eine grüne Tafel kratzt (auf den White-boards klappt das ja zum Glück nicht mehr, egal wie lang und unecht deine Nägel sind), versprach man dieses Mal auf dem Gutschein eine Zahnreinigung mit Laserbehandlung. Wie immer das auch sein mag, dachte ich, es ist billig und mal wieder Zeit.

Ich kam 20 Minuten zu früh in der Praxis an, dessen Rezeption schon sehr vielsagend modern und á la Clock Work Orange in weiss und blau gehalten war. Die Rezeptionistin begrüβte mich oberflächlich nett, war aber sonst recht reserviert und machte keine Anstalten Small Talk mit mir zu führen; worüber ich sehr erfreut war, denn normalerweise texten dich die MexikanerInnen ewig voll, bis sie mal auf den Punkt kommen, in diesem Fall nämlich dich beim Arzt anzukündigen.

Eine junge Dame in grün erschien weiter weg im Flur. Während ich das Patienten-Formular ausfüllte fragte sie recht unauffällig, ob ich die Patientin um 15:30 Uhr sei, was die Rezeptionistin noch unauffälliger beantwortete.

Als ich fertig war, informierte man mich sehr anteilnahmslos darüber, dass ich obgleich (oder vielleicht auch gerade wegen) meiner Pünktlichkeit, dennoch erst in 20 Minuten dran käme. Man sah zwar weit und breit keine Patienten und hörte aus dem Hinteren der Praxis auch keine verdächtigen Zahnarztinstrumentengeräusche, aber da ich gerade mein neues Blackberry-Spielzeug bekommen hatte, fand ich die Zeit, mich mit dieser neuen Technologie vertraut zu machen, absolut angenehm und setzte mich ans Panoramafenster, wovon ich einen schönen Blick auf das Judenviertel in Mexiko Stadt hatte. Nicht, dass dies von groβer Bedeutung sei, allerdings verbindet man ja im Allgemeinen mit dem Begriff “Judenviertel” einen anständigen, sauberen Ort, ein wenig seltsam hier und da, man findet womöglich die eine oder andere Sonderlichkeit oder komische Person, edle Autos, moderne Bürohäuser, also Sachen eben, die nicht so gewöhnlich sind. Und ich meinte halt, dass so eine Praxis von einem anständigen Herren betrieben würde, so in seinen besten Jahren, verheiratet, adrett und der sich mehr darum Sorgen macht, auf welche Auslands-Universitäten er seine ebenso adretten Söhne schickt, als darum wie gut ich heute angezogen bin.

Als die junge Dame in ihrer grünen Krankenhaus-Chirurg-Kleidung zuvor auf dem Flur erschienen war, dachte ich, es könne ja genauso gut sein, dass es eine emanzipierte, mexikanische Frau ist, die diese moderne Praxis-mit-Stil leitet oder noch besser: ein emanzipierte, jüdische, mexikanische Frau. Und ich fühlte mich noch sicherer als zuvor.

Ich weiss nicht, ob das einfach nur abstruse Ideen waren oder ob ich überhaupt nachgedacht habe, als ich aus dem Haus ging, um in dieser Praxis zu erscheinen, aber Fakt ist, dass ich mal so gar nicht darauf vorbereitet war, auf das was kam.

Von der grünen Frau wurde ich ins überaus einladende, fast schon gemütlich erscheinende Behandlungszimmer gebeten, hinter dessen Schreibtisch sich zu meinem tiefsten Schrecken ein überaus, ja wirklich nicht aussprechbar gutaussehender Mann etwa meines Alters befand. Nachdem ich mich zwingen musste, keine Panik zu bekommen und erst recht nicht nervös zu werden (obwohl ich dennoch ein wenig (?!) rot wurde), setzte ich mich hin. Wir begrüβten uns und ich konnte mich gar bei der Vorstellung beruhigen, dass es ja zum Glück nicht mein künftiger Frauenarzt würde.

Ich war dennoch total verwirrt.

Er sprach natürlich, wie jeder Mexikaner auch, ein ganz normales Spanisch, hatte keinen merkwürdigen Akzent, der ihn verraten hätte, er hatte eine gesund gebräunte Haut, dunkelblondes Haar und solche blauen Augen, dass ich einfach nicht glauben konnte, es sei seine echte Augenfarbe. Ich starrte ihn bestimmt bescheuert auffällig an, um zu erkunden, ob das nicht etwa Kontaktlinsen seien. Aber nein: alles echt an ihm. Blaue Augen mögen nun wahrlich nichts besonderes in Deutschland sein, doch hier in Mexiko ist es fast so wie einen Albino zu sehen. (Und für die jenigen, die Wissen wer Luis Miguel ist, kann ich folgenden Vergleich anbieten: wenn Luis Miguel das iPad 1 ist, dann ist dieser Zahnarzt das um vielfach verbesserte iPad 2!)

Also nun, ein paar Fragen und Erklärungen, und ich nahm auf der Zahnarztliege Platz. Und als ich da so lag, fragte ich mich, warum ich meine Beine nicht ein wenig gründlicher rasiert habe (da ich ja eine Capri-Hose trug) und warum ich mir statt des gemütlichen, langweiligen Shirts, nicht doch lieber ein sexy Top angezogen habe und mit einem Mal war es mir total peinlich, dass ich heute morgen überhaupt keine Anstalten gemacht habe, meine Zottel-Wellen in Ordnung zu bringen, die – dadurch dass ich wegen der starken Sonne und Hitze einen Hut trug – noch verwüsteter waren als sonst. Ein tiefer Seufzer und ein resignierter Gedanke des Aufgebens. Es gab keine Chance noch irgend einen guten Eindruck zu Hinterlassen. Also, Scheiβ auf den hübschen Zahnarzt und genieβ den Moment – sofern es ging, denn wenn die auch meinen Wunsch erfüllten, klassische Musik zu spielen, machte man mir an meinen Zähnen rum und komische Geräusche machen die Instrumente ja so oder so.

Ich bat darum, dass sie mir doch gleich auch eine Beratung dazu gaben, weil ich sehr wahrscheinlich (in diesem Alter!!!) wieder eine Spange brauche… Nach allem drum und dran sagte er mir dann, dass mein Zahnschmelz dies und jenes und dass er mir solch und welches auftragen könnte, was dann so und so viel kostete. Um ehrlich zu sein, er hätte mir die Perlen der Jungfrau Maria andrehen können und ich hätte sie ihm abgekauft. Natürlich war mir bewusst, dass das alles viel teurer war, als in weniger reichen Stadtteilen und den dort ansässigen Zahnarztpraxen, aber wie mein Mitbewohner so schön sagte: Ich habe Geld zum Vergnügen ausgegeben und mir einen Deluxe-Table-Dance gegönnt, statt einen billigen Schuppen, mit billigen Typen. Und so nah wie ich diesen Kerl hatte, so hätte ich das wohl kaum bei einem anderen Lokal meines Vergnügens und auch nicht bei Junggesellinnenabschieden gehabt.

Er tastete meinen Kiefer ab (und weshalb auch immer meinen Hals), untersuchte jeden einzelnen Zahn, diktierte der Frau in grün, die am Ende ja nur seine Gehilfin war, was mit denen sei, wo ich in welchem Maβe Karies hatte, wo eine Kunststoff- oder Keramikfüllung war, wo ein Zahn wieviel schon abgenutzt sei, welcher fehlte (da man mir ja schon sehr viel früher einige zur Kieferbehandlungszwecken gezogen hatte) und wo mein Kiefer nicht richtig saβ, biss oder sonstwas tat. Das hörte sich echt schlimm an und mit jeder weiteren Diagnose sank bei mir die Hoffnung, bei ihm landen zu können. Naja, aber ich hatte ja schon für meinen Spaβ gezahlt, also machte ich mir nichts weiter draus.

Als wir dann wieder an seinem Schreibtisch saβen, erklärte er mir seine Diagnose und was ich in Zukunft alles zu tun hätte (während ich im übrigen bemerkte, dass er an keinem Finger einen Ring trug – was ich allerdings nicht bemerkte war, dass ich noch blaue Paste an der Wange kleben hatte und dass das komische Gel, was ich für die nächsten 6 Stunden nicht wegmachen durfte, meinen Zähnen den dämlichen Anschein gab, sie seien seit Wochen nicht geputzt worden!), und sobald ich denn die ganzen Röntgenaufnahmen hätte, könne er mir – nach Absprache mit den anderen Ärzten – Art, Dauer und Kosten der Behandlung nennen und wir könnten dann einen neuen Termin ausmachen (Yiippiieeee!!!).

Dann legte er mein Patientenarchiv an, weshalb er mir sämtliche Fragen stellte, die hier in Mexiko so üblich sind, wie etwa ob ich verheiratet, magersüchtig oder anderweitig krank sei und vor allem was am peinlichsten war: wann meine letzte Regel gewesen sei (nämlich jetzt, was ihm genauso peinlich war aufzuschreiben, wie mir laut auszusprechen). Hier kann ich das ja laut sagen und es macht mir nichts weiter aus, denn zum einen will ich ja nichts von irgendwem hier und zum anderen ist mir sehr bewusst, dass solch peinliche Sachen für euch am ehesten zum kaputtlachen sind. Nun gehe ich ebenso davon aus, dass sowas ja Tag ein Tag aus in Zahnarztpraxen gefragt wird und wüsste nicht, warum das bei mir so lustig sein sollte.

Daher verabschiedeten wir uns am Ende ganz normal, nicht aber bevor er darauf bestanden hatte, dass ich meine Handynummer angebe (was ich nicht getan hatte, weil ich gerade erst den Anbieter gewechselt hatte) und dass ich so schnell wie möglich die Untersuchungen einreichte, damit wir meine ewig lang dauernde Behandlung so schnell wie möglich antreten könnten.

Auch wenn es bestimmt eine Fortsetzung gibt, wie etwa dass ich bemerke, dass es ein ganz langweiliger Mann ist, der einfach nur extrem gut aussieht, sich aber sonst nur für seine tollen Modellautos interessiert, die nämlich schön aufgereiht, in einem einzig dafür genutzten Regal neben dem Behandlungsstuhl präsentiert wurden, werde ich hoffentlich nicht mehr solche peinlichen Anekdoten erzählen müssen.

 

18 de mayo de 2011

 

© Kirsten Liliane López Lüke