Und des Weges zweiter Teil...

Teil II

Vielleicht aber fing es auch erst mit dem Verlust meiner mexikanischen Großmutter an, dessen gesundheitlicher Zustand Anfang des Jahres 2007 rapide den Berg runter ging und zwar, so glaube ich das im nachhinein, weil ich von Mexiko Stadt nach Cancun zog. Sie war zwar schon 85 als ich ging und war alles andere als fit, aber sie packte es irgendwie immer. Doch als ich ging weinte sie viel, sie machte sich große Sorgen, dass ich in die Hände von Frauenschändern und Menschenhändlern geraten könnte und sie weinte bitterlich, weil sie mich verloren glaubte. Komisch, denn schließlich habe ich doch auch Jahrelang in Deutschland gelebt, weit weg von ihr und ich verstand nicht, warum sie diesmal so traurig war. Ich war doch noch im gleichen Land, besser erreichbar und schließlich wollte ich ja nur mein berufliches Glück dort versuchen, nachdem in Mexiko Stadt mich keiner als Reiselieterin einstellen wollte, da ich keine Erfahrung hatte. Und weil ich keine Erfahrung bekam, wenn ich nicht arbeitete, sagte man mir, ich solle es in Cancun versuchen. Da gibt es immer und auch viel Arbeit.

Als ich sie an ihrem Geburtstag am 4. Februar anrief, war sie auf dem Sprung, da meine Cousine sie zum Essen ausführen wollte. Sie konnte kaum reden, ihre Stimme brach und sie würgte mich einfach ab und legte auf. Einen Monat später musste sie mehrmals ins Krankenhaus, bis sie dann Anfang April nicht mehr rauskam. Es fing ein einmonatiger Leidenskampf an, den wir alle nicht verstehen konnten. Als ich schließlich einen Anruf von meiner Cousine bekam, dass es nicht gut um sie stünde, buchte ich einen Flug nach Monterrey. Eine Woche war ich an ihrer Seite in einem öffentlichen Krankenhaus, in dem das Personal zu knapp war, die Zimmer hässlich und die Stimmung bedrückend. Nicht, dass andere Krankenhäuser nicht bedrückend wären. Doch die Mexikanischen sind alt, unmodern und ohne jegliches Bemühen es zumindest „angenehm“ gestalten zu wollen.

Als ich abuelita[1] zum ersten Mal sah, wusste ich, dass es bald vorbei sein würde. Sie war aufgedunsen, ihre Nieren funktionierten nicht mehr und mit jedem Tag mehr, griff die Dialyse ebensowenig. Vom vielen liegen hatte sie schon viele Blasen und Wunden, die bluteten und anfingen zu eitern. Wir wussten alle nicht, was wir tun sollten, was es für Möglichkeiten gab, ihr Leiden zu lindern. Wir waren bei ihr und konnten doch nichts tun, waren völlig überfordert mit ihrem Anblick, mit der Situation, total perplex und irgendwie auch resigniert. Eine Krankenschwester fragte, ob sie aus einem Krankenasyl käme, was eine Degradierung eines Altenheimes war. Überrascht fragte ich sie warum und bekam als Antwort: Weil sie in so einem heruntergekommenen Zustand sei und so wirkte, als wenn sich keiner um sie kümmerte. Das traf mich schwer, denn liebten wir abuelita alle sehr. Ich vielleicht am meisten, und mein Vater, ihr Liebling und ich die verlorene Tochter, die Tochter, die sie nie haben konnte und wenn, dann hat man sie ihr immer weg genommen.

Empört entgegnete ich, dass wir ja auch keine Krankenschwerstern seien, dass uns keiner sagt, was wir tun sollen und uns schult, sie zu pflegen. Hier werden die Verwandten einfach so in die Situation geworfen und es wird von ihnen verlangt Dinge zu tun, die die Krankenpfleger machen müssten, die aber wiederum keine Zeit haben, sich um alles zu kümmern. Dann wollen sie aber, dass sich die Verwandten kümmern und zeigen aber niemandem wie.

Erst dann wies sie uns an, was und wie wir nützlich sein könnten. Auch wenn wir alles umsetzten, wussten wir dennoch, dass es nicht viel bringen würde.

Esperanza, so hieß meine abuelita, und bedeutet Hoffnung, lag einfach nur so da. Auf dem Rücken und den Blick meistens nach oben gerichtet. Sie hatte nur noch wenige klare Momente. Ich fragte mich in den langen Nächten im Krankenhaus, was ihr durch den Kopf gehen mag, sie wollte nicht mehr reden. Als ich mit ihr redete, wies sie mich schroff zurück ich solle den Mund halten. Ich saß neben ihr und trocknete die giftigen Tropfen, die aus einigen Poren ihrer Arme kamen – die Nieren bauten die Toxine nicht mehr ab, also sonderte der Körper sie auf andere Weise aus. Es war kaum zu ertragen und ich flüsterte ihr ins Ohr, dass ich sie liebte, dass sie mir alles verzeihen sollte, was ich getan habe und dass ich ihr ebenso alles verzieh, was sie mir angetan hatte. Was davon ankam weiß ich nicht, denn wenn sie auch offenen Blickes dalag, schien sie nich anwesend zu sein. Vor lauter Kummer und seelischen Schmerz weinte ich eines nachts in das Laken direkt neben ihrer Hand. Ich versuchte so leise wie möglich sein, unterdrückte so gut es ging die Schluckzer, doch es musste einfach raus. Dann hörte ich sie leise fragen:“Porqué lloras?“[2] Ich blickte sie an, Tränen ronnen ununterbrochen über meine Wangen und antwortete:“Porque no puedo aguntar verte así!“[3] Wer weiß woher sie in solch einem Moment folgende Worte fand:“No llores mujer, aquí estoy!“[4]

Am nächsten Tag hatte sie Wasser in den Lungen. Die Ärzte sagten, dass die Medizin nicht mehr wirkt und daher wohl bald mit einem Schlauch durch die Luftröhre das Wasser aus den Lungen geholt werden müsse. Das geschah in der Nacht. Sie weigerte sich, doch es war notwendig, schließlich wollte wir doch nur Gutes tun. Es muss besonders schmerzhaft gewesen sein, denn zum ersten und letzten Mal in meinem Leben, sah ich abuelita weinen. Als ich die Tränen sah, bat ich die Krankenschwester aufzuhören und bat Pelanchita (der Kosename meiner abuelita) um Verzeihung.

Es war ein sonniger Morgen, als mich mein Onkel im Krankenhaus abholte, um zu Hause ein wenig zu schlafen und in der Nacht wieder bei Esperanza zu sein. Die Leute von der Dialyse waren an diesem morgen nicht mehr gekommen. Ich informierte die Ärztin, die darauf hin abuelita untersuchte. Sie sagte, es sei nur noch eine Frage der Zeit. Ich war im Aufstuhl, ein junger Arzt kam hinein und ich wusste: Heute wird sie sterben, in meinen Armen und er wird dabei sein.

Ich kann mich nicht daran erinnern, ob ich schlafen konnte, was ich zu Hause machte, wie der Tag verging. Ich kam ins Krankenhaus, meine Onkel, mein Vater und meine Cousins wussten bescheid, dass es jeden  Moment soweit sein könnte. Meine Cousine und alle gingen, auch das weiß ich nicht mehr zu erklären. Wie auch immer, ich war alleine bei abuelita, die eine Windel anhatte, die seit dem Vortag nicht gewechselt worden war. Daher bat ich einen Pfleger, er solle mir dabei helfen, sie zu wechseln und zu waschen. Er sagte er habe nicht so viel Zeit und ob ich das nicht alleine machen könnte. Abuelita war viel zu schwer, als dass ich sie alleine hätte zur Seite heben können, auch wusste ich nicht wie man einer erwachsenen Person, die bettlägrig ist, eine Windel wechselt. Also kam er und gemeinsam versuchten wir es. Abuelita, wieso auch immer, schien entweder einen klaren Moment zu haben oder die Unannähmlichkeit und der Schmerz waren so stark, dass sie darum fluchte wir sollten damit aufhören. Sie war schon immer recht geübt im Fluchen und Schimpfwörter sagen, und es war merkwürdig, sie in diesem Moment so zornig zu sehen. Doch wir machten weiter und schließlich hörte sie sich eher flehend an; auch dann bestand ich weiterhin darauf, sie auf die andere Seite zu legen, um sie sauber zu machen. Ihre Augen sahen panisch aus, als wenn blankes Entsetzen daraus sprach. Es zerbrach mir das Herz, ich wollte doch nur, dass sie sauber war. Mit einem Mal kam eine braune, eklige Flüssigkeit aus ihrem Mund, es quoll regelrecht daraus. Alles ging so schnell: ihre Augen waren nur noch starr, die Flüssigkeit quoll und quoll und ich schrie „No! Abuelita no! No, Porfavor, no!“ Ich versuchte sie zu  halten, zu umarmen, irgendwas, als mich jemand packte und aus dem Zimmer zog. Ich ließ mich an der Wand hinuntergleiten und schluchzte. Dann kam der junge Arzt aus dem Fahrstuhl mit einem Defibrillator. Mein Kopf lag auf meinen Knien, die Arme umschlangen meine Beine, ich lauschte auf Geräusche aus dem Zimmer, doch es kamen keine und ich wusste, sie war tot.

Ich rief bei einem meiner beiden Onkel an, muss wohl schluchzend gesagt haben, dass sie tot war, dass es meine Schuld war, dass ich doch nur abuelita sauber haben wollte. Irgendwann kam die Ärztin raus und sagte mir wie in einer dieser tragischen Filmszenen, dass sie gestorben sei und man nichts mehr hatte machen können, dass es überhaupt ein Wunder gewesein sei, dass sie es so lange (insgesamt einen Monat) geschafft habe. Später sagte mir der Pfleger, dass ihr Herz die Strapazen nicht stand gehalten hat und es dann zu einem Kollaps der ganzen Organe kam. Man habe etwa 20 liter dieser giftigen, ekligen Substanz aufgefangen und weggetragen.

Dann kam das ganze Team aus dem Zimmer und ich ging rein. Wie eine Mumie war Esperanza in weiße Bettlaken gewickelt. Ich umarmte dieses schmal und klein gewordene Bündel, das meine geliebteste Verwandte gewesen war und bat ein ums andere Mal um Verzeihung. Dann kam wieder jemand und brachte mich aus dem Zimmer.

Noch heute, fünf Jahre danach,  schreibe ich diese Zeilen unter bitterem Schluchzen, meine Schultern schütteln sich darunter und mitunter muss ich oft innehalten, weil ich vor lauter Tränen nichts mehr sehe.

Auch wenn ich rational sagen kann, dass es natürlich nicht meine Schuld war, kann ich noch so viel tun, dieses Gefühl stellt sich nie wirklich ein, auch nicht die Frage, ob ich nicht hätte mehr tun können für sie, generell.

Ich frage mich auch, ob der Schmerz über ihren Verlust jemals weg gehen wird und vielleicht brachte mich diese Erfahrung auf den Weg des Buddhismus? Die Frage nach dem Tod, was dabei passiert, wohin „man“ geht, wie und warum man wiedergeboren wird und andere Dinge machen jetzt einen Sinn.

Hätte ich damals gewusst, wie wichtig der Moment des Todes ist und wie ausschlaggebend für die nächste Wiedergeburt, hätte ich wohl eher meine abuelita umarmt und gesagt, dass ich sie ganz doll lieb hab, dass sie keine Angst haben braucht vor dem was kommt, dass alle Bilder, die nun vor ihrem „geistigen Auge“ entstehen, nicht reell sind, dass sie ruhig bleiben und vertrauen haben soll, dass ihr nächstes Leben schön wird.

Ich hätte ihr gerne gewünscht, dass sie in einem Leben wiedergeboren wird, in dem sie ebenso liebevolle Eltern haben würde, in einer Zeit ohne Revolution, Krisen und mit einem loyalen Mann, der sie liebt und schätzt und immer an ihrer Seite steht, bis zu ihrem Tod, dass sie eine vereinte Familie haben würde, frei von Geldnöten und anderen Sorgen. Jetzt bleibt mir nur noch die Esperanza, dass es ihr gut geht, dass sie Trotz des schrecklichen und angsterfüllten Todes einen guten Übergang in ein besseres Leben hatte. Auch wenn der Vorwurf, dass meine Unbeholfenheit sie in diesen mentalen Zustand des Entsetzens versetzt hat, und der, laut des Buddhismus, die Art deiner nächsten Widergeburt bestimmt, nie wirklich weggehen wird.

Dieses Ereignis bestimmte die Grundstimmung des Jahres 2007. Ich kehrte nach Cancun zurück und packte nach gerade mal fünf Monaten dort wieder mein Koffer, um nach Mexiko Stadt zurück zu kehren. Ich hatte verstanden, dass ich vor mir selbst geflohen war und demnach auch in Cancun nicht glücklich war. Immerhin hatte ich dort genügend Erfahrung gesammelt, so dass ich auch bald meine erste große Reise als tourist guide bekam.

Auch wenn ich irgendwie wieder zu mir selbst fand, fehlte mir etwas. Deshalb ging ich zu Paty und sie weiderum brachte mich auf den Trichter „Tibetreise“ und den Rest hab ich ja schon erzählt.

 

Es ist aber auch gut möglich, dass das Jahr 2007 auch noch überschattet war, vom Jahr 2006. Das wohl schlimmste Jahr in meinem ganzen Leben. Auch wenn ich noch jung bin und ich erst am Ende meines Lebens sagen werden kann, was das schlimmste war, so habe ich mich doch so weit verändert, dass ich mir nicht vorstellen kann, nochmal solch ein Jahr zu erleben. Und zwar nicht, weil ich gegen schlimme Ereignisse geimpft bin, sondern weil meine Sicht des Lebens sich verändert hat.

 

April 2012

© Kirsten Liliane López Lüke



[1] Auf Spanisch eine Art Kosename für die Großmutter

[2] „Warum weinst du denn?“

[3] „Weil ich es nicht ertragen kann, dich so zu sehen!“

[4] „Weine nicht Frau, ich bin hier!“