Tag 4: Samstag, 12.5.2012

Da ich kein Indien-Reiseführer habe bin ich ein wenig planlos, was die zu besichtigen Orte angeht und wenn Rishi mich nicht einfach irgendwo hinnehmen würde (so wie heute zum Grab des Herschers Humayun aus der Mogulzeit), würde ich wahrscheinlich nur noch im Zimmer hocken. Ich merke, wie mir das alleine reisen schwer fällt. Bisher habe ich meine Reisen immer so geplant, dass ich Freunde besuche. Wenn ich gereist bin, habe ich höchstens Museen alleine besucht, hatte aber sonst meistens Gesellschaft. Bewusst habe ich es so getan, denn wenn ich sonst “zu Hause” kein Problem mit dem alleine sein habe, so habe ich es beim reisen. Mir war klar, dass es diesmal auf mich zukommen würde; es im Kopf zu wissen und dann aber zu erfahren sind zwei ganz unterschiedliche Sachen. Daher habe ich mich heute im Zimmer verschanzt, Kleidung gewaschen und darüber philosophiert, weshalb ich heute eine Hemmung hatte, hinaus zu gehen… Ob es daran lag, dass ich keine Lust habe, übers Ohr gehauen zu werden oder daran, dass ich eh solange in Indien bleibe, dass keine Not zur Eile besteht, ich weiß es nicht. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich von Rishi, meinem Gastgeber, sehr verwöhnt werde? Ich meine, ich habe hier eine Art Hotelzimmer mit Vollpension und Zimmerservice - Internet und Kabelfernsehen inklusive! Zudem sind die Gespräche mit Rishi im wahrsten Sinne des Wortes unterhaltsam. Seine Lebensgeschichte ist schon recht merkwürdig, seine Ansichten gewöhnungsbedürftig, sein religiöser, hm, Fanatismus (?), Eifer (?) oder Weltanschauung so verwurzelt, dass man nicht diskutieren kann. Er ist Astrologe, was hier in Indien wohl nur einer bestimmten Kaste erlaubt ist und womit man ein wahnsinns Geld machen kann. Doch da er prinzipiell jeden Kunden seinen Freund nennt und daher kein Freund ihn bezahlen will, verdient er sein Geld mit Doku-Filme machen oder irgendwelche nicht Bollywood-Filme produzieren. Dafür wiederum muss er “sein” Haus (eigentlich ist es das seines Vaters) verwetten. Er behauptet von sich selbst, wie ein Mönch zu leben, wie ein wahrer Entsager. Aha, na klar. Gut, er hat 5 Jahre in einem Ashram von Guru Yogananda als Mönch gelebt und war so enttäuscht von den Machtspielchen und den Perversionen seiner Mönch-Kollegen (wie sagt man das eigentlich: Mönch-Kollege, - Kumpane, Mitmönch??) - vor allem, dass sie sich Pornos reinzogen, dass er schließlich zur Meinung gelangte, er könne außerhalb des Ashrams als Nichtmönch ein besserer Mönch sein. Das erklärt, dass er 2 Stunden täglich im Fitnessstudio verbringt und mit seinen 40 Jahren sich selbstverliebt eingesteht, dass er gar nicht so alt aussieht. Muss ich ihm auf jeden Fall zustimmen: Als er mir bei meiner Ankunft die Tür in seinem viel zu eng anliegenden Superman-T-Shirt aufmachte, hielt ich ihn für einen Gleichaltrigen, zugegebenermaßen: einen gleichaltrigen Schwuli. Wie dem auch sei, mehr verwundert als bewundernd höre ich ihm zu, wie er von sich behauptet, so mönchsgleich zu leben, weil er noch nie, ich wiederhole: noch NIE Sex gehabt hat, dass er seit drei Jahren sich keinen mehr runtergeholt hat und dass man im Leben ja so und so nur ganz wenig zum Leben braucht. Man braucht all diesen Materiellen Krims Krams ja nicht. Aber wenn man nach Paris fährt, braucht man 4 verschiedene Paar Schuhe, die mit jeglichen Hosen und Mänteln, ja sogar mit den feinen Cashmere-Pullis kombinieren. Denn in Paris kann man ja nicht einfach so irgendwie rumlaufen, da muss man sich anpassen! Und da alle in Paris so super fancy rumlaufen, müsse er das auch. Was würden sie denn sonst von ihm denken?! Ich dachte als Mönch sei man so weit, dass es einem egal ist, was andere von einem Denken? Heißt denn entsagen nicht auch entsagen der Anerkennung, des Ansehens, des Egos in jeglicher Hinsicht? Na und weil er ja solch ein wahrer Entsager ist, bestellt er sich bei den nächsten Couchsufern aus Frankreich gleich mal selbige Sonnenbrille, die er schon hat, nur in einer anderen Farbe, weil die, die er hat kombiniert nicht mit seinem Neongelben, eng anliegendem T-Shirt, sondern nur mit dem weißen (oder so ähnlich…). Gut finde ich auch seine Voraussage, dass ich auf dieser Reise einen Mann kennen lernen werde, mit dem ich dann zusammen komme. Ein Inder wird es bestimmt nicht sein, denke ich und sage es laut. “Aber vielleicht ein netter Tibeter” entgegnet er und ich denke mir nur meinen Teil. Dass er von sich behauptet, bestimmte Dinge voraussehen zu können, ist sehr verlockend, doch wie oft hat man mir in den letzten Jahren nicht schon mit aller Sicherheit vorausgesagt, dass ich den Mann meines Lebens kennen lernen würde? In Mexiko sollte das ein Blonder sein, so dass ich Monate lang jeden blonden Typen voller Erwartung an- und hinterher geschaut habe. Glücklicherweise gibt es in Mexiko nicht gerade viele. Dann sollte ich jetzt in Deutschland DEN Mann meines Lebens kennenlernen, der deutlich älter sei als ich und wegen dem ich meine Indien-Reise sogar aufgegeben hätte. Er kam zwar, war aber weit davon entfernt der Mann meines Lebens, geschweige denn meiner Träume zu werden! Also lache ich immer mit Rishi und mache Scherze über meinen zukünftigen tibetischen Freund, den ich zuerst in Daramsala treffen werde. Dann heißt es aber, erst im September - da bin ich in Nepal. Also seine Ansagen sind diffus, Hauptsache immer alle Türchen offen halten, nur für den Fall, dass die Voraussage nicht hundertprozentig eintrifft. Nervig! Aus dem selben Grund weshalb ich Horoskope und Astralkarten nervig finde. Nur weil Pluto im Zeichen von Wassermann in der Minute deiner Geburt stand und somit die Umlaufbahn des Mondes in gegenüberliegender Stellung zur Sonne zur Zeit der Rotation der Milchstraße um die eigene Achse kreuzte, weigere ich mich, daran zu glauben, dass mein Weg schon vorgegeben ist. Bin ich denn nicht gerade deshalb hergekommen, um all diesen Wahn zu entkommen, und meinen ganz eigenen Weg zu gehen, vorerst aber zu finden? Um alle dem zu entsagen, was die Gesellschaft von mir erwartet? Also einen Freund zu haben würde mir jetzt nun gar nicht passen, egal ob blond, deutlich älter oder sogar beides zusammen. Diesen Weg will ich alleine gehen, auch wenn ich mitunter ein kleiner Schisser bin und mich in Neu Delhi nicht vor die Tür traue. Dafür aber geht es morgen um 5:30 in der Früh mit dem Zug nach Agra.