Kurzer Überblick meines Indien-Einstiegs

Bevor ich im Detail mein Reisetagebuch digitalisiere und fast Tag für Tag meine Erlebnisse in diesen Blog setze, schreibe ich erstmal eine kleine Zusammenfassung. Später kann dann jeder, der interessiert ist, die Einzelheiten verfolgen… Mein Indien-Einstieg war recht merkwürdig. Zunächst ziemlich entspannt bei einem Bekannten, wo ich mich sicher fühlte und er mir ein gutes Verhaltenstraining gab. Ich besuchte alleine Agra, wo der Taj Mahal steht und diverse Weltkulturerbe-Stätten der Umgebung. Entgegen der Warnungen, dass es unausstehlich sei, man als Frau von allen Seiten angelabert wird und man von Trauben an Verkäufern umzingelt wird, fand ich es wunderbar. Um 6 Uhr morgens sind nur sehr wenige Leute unterwegs und mit der richtigen Kleidung und Verhaltensweise lassen die Inder einen auch in Ruhe. Dann war ich eine Woche im Norden, in Dharamsala, wo der Dalai Lama lebt und die tibetische Exilregierung ihren Sitz hat. In den Ansätzen des Himalayas, von wo man schon die schneebedeckten Gipfel sehen kann, hatte ich mir erhofft, mehr Ruhe zu finden, um der spirituellen Praxis nachzugehen. Es gibt zwar den Haupttempel, wo der Dalai Lama auch öffentliche Lehren gibt, doch der ist immer voll von Touristen aus der Panjab-Region. Es ist immer Laut und vor allem Westliche werden gerne von Indern fotografiert. Auch wenn es das eine oder andere Meditationszentrum gibt, so fand ich mich nirgendwo wirklich ein. Ebenso gestaltete sich die Suche nach einem Ort für Freiwilligenarbeit als schwieriger als gedacht und erwartet. Ich wollte ja nun auch gerne in ein Kloster gehen, doch wenn sie auch alle Lehrer brauchen, so hat keiner auf meine Anfragen reagiert. In der Stadt selber gibt es unheimlich viele “Sprachschulen”, die Lehrer suchen. Einmal war ich bei einer Konversationsstunde, die allerdings so schlecht strukturiert war, dass ich wohl genauso frustriert wie die Schüler wieder weg ging. Daneben fand ich die Stimmung der Stadt einfach komisch. Als wenn es schlichtweg nur eine Durchgangsstadt wäre, ein Umsteigebahnhof gekoppelt mit einem riesen Angebot an allen möglichen Massagearten, Yoga und Ayurvedischen Krimskrams für die große Anzahl an Hippie-Touristen mit Rastas und Schlabber-Look. Einfach nicht mein Fall. Von einem Tibeter habe ich erfahren, dass die meisten Exiltibeter und politische Flüchtlinge nie länger als 5 Jahre in Dharamsala bleiben, was die Atmosphäre erklärt. Mir sollte es nicht viel anders gehen. Denn nach einer Woche bekam ich schlechte Nachrichten von meinem Anwalt in Mexiko und ich eilte nach Neu Delhi zurück, um eine Vollmacht bei der Botschaft zu beantragen. Über eine Woche steckte ich in dieser lauten, extrem heißen Stadt, in der immer eine Staubwolke wie eine Glocke über der Stadt liegt, fest. Der einzige Vorteil (zunächst) war, dass ich wenigstens Teile von Old Delhi im Universitätsviertel Und dem sogenannten Judenviertel zu sehen bekam. Was in Mexiko nach einem gefährlichem Wohnviertel aussieht, ist hier eine sichere Umgebung, wenn auch die Leute extrem unhöflich sind. Die Menschen in Delhi sind anstrengend, haben keinerlei Anstalten: man rotzt überall hin, Männer greifen sich ungeniert permanent an den Sack, um dann dir die soeben gekauften Mangos mit selbiger Hand zu überreichen und das Geld entgegen zu nehmen, es wird sinnlos gehupt, Müll auf die Straße geworfen und es gibt keinerlei Höflichkeitsfloskeln - kein ‘Hallo’, ‘Bitteschön?’, ‘Danke’ und erst recht keine Verabschiedung. Der Verkäufer scheint völlig uninteressiert an seinem Kunden zu sein, prinzipiell schaut man sich nie in die Augen und Lächeln kommt gar nicht erst in Frage. Ich bin in Deutschland oftmals auf pampige Leute gestoßen, habe den Begriff “Servicewüste” zu verstehen gelernt und war erstaunt über die Arroganz so manch eines Dienstleistenden, dennoch habe ich nie solch eine entmenschlichte (falls es den Begriff überhaupt gibt und ich nicht schon wieder eine Eigenkreation präsentiere) Gesellschaft erlebt, wie in Delhi. Ich dachte, Mexiko sei eine gute Schule, um nach Indien zu reisen und in Hinsicht auf Machos und Chauvinismus mag das auch sein, doch die Freundlichkeit der Mexikaner hat mich sehr verwöhnt und ich vermisse sie. Von allen Dingen vermisse ich die positive Einstellung zum Leben und die freundlichen Gesichter, das überwiegend Höfliche (natürlich sind nicht alle so) und der lockere Umgang miteinander. Hier scheint mir alles so verkrampft! Eine entgegengesetzte Art erlebte ich der tibetischen Siedlung. Und eben dort lernte ich einen Lama kennen, der das selbe Ziel hatte wie ich: ein kleines Dorf im Norden des Landes genannt Rewalsar (indisch) oder Tso Pema (tibetisch). Auf der gemeinsamen Busfahrt lernte ich ein wenig über sein Leben kennen (er ist sehr bescheiden, um darüber zu reden, sowie über die Projekte, die er bereits realisiert hat, wie auch solche, die er noch vor hat. Und mit einem Mal, nach einem Monat in Indien, habe ich einen Weg entdeckt, der mich neugierig macht. Endlich habe ich einen “Platz” als Freiwillige gefunden, wenn auch alles anders kommt, als man es plant. Juni 2012 Kirsten Liliane López Lüke