Entspannungs-Stress – April 2011

Viele junge Frauen kriegen ja wenn sie 29 sind schonmal eine Vorabkrise bezüglich der 30-Jahr-Schwelle. So von wegen biologische Uhr, heiraten, tollen Job haben, kleine Fältchen, schlaffer werdendes Bindegewebe und all den Kram.

Allerdings fand ich das 29. und 30. Lebensjahr bisher mit am Besten.

Mein beste Freundin – Wolke – und ich haben nur eine Woche Altersunterschied. Sie hat exakt eine Woche vor mir Geburtstag. Und seit diesem Jahr sind wir beide keine „Twens“ mehr. Wir haben tatsächlich das dritte Jahrzehnt erreicht!

Als wir uns dessen letztes Jahr bewusst wurden, war uns eigentlich klar, dass dieses Alter würdig zu feiern ist. Eigentlich hat unsere Party schon lange vor unserem Geburtstag begonnen. Irgendwann so Mitte 29, als wir beide mehr oder weniger gleichzeitig einen korrekten Job bekamen. Man kann, sagen, dass wir unsere Studenten-Job-Zeit (auch wenn wir lange schon keine Studentinnen mehr waren) hinter uns lieβen und begannen, Karriere zu machen. Nicht etwa, dass wir jetzt voll auf der Karriereleiter oben stünden, aber wir sind gefragt, wir haben ein gutes Gehalt und vor allem macht uns unsere Arbeit sehr viel Spaβ.

Da mein zeitlich begrenzter Freelancer Job in einer feinen Versicherungsfirma war, habe ich erstmal meine Garderobe neu überdacht. Irgendwie passten meine Girlie-Shirts mit irgendwelchen politischen Aussagen nicht mehr so recht, auch die Jeans waren (zumindest während der Arbeit) nicht angesagt und auch meine gemütlichen Sneakers mussten verschwinden. Was kam statt dessen? Schicke, kokette Blusen, die eher sagten: „Hey, hier kommt die extrem selbstbewusste, modische Geschäftsfrau. Männer, geht zur Seite, schaut mich an (und hinterher) und stellt euch vor allem mich ohne all das vor!“

Dazu kamen meine ersten echten Absatzschuhe. Mit „echt“ meine ich, dass es die ersten waren (oder sind), die nicht nur teuer sondern auch (gerade deswegen) gemütlich waren, weil sie gut geschnitten waren… Das bewirkt natürlich eine „elegante“ Silouette.

Nun denn, passend zu all dem Krims Krams, den ich selber noch nicht so recht glaubte, kam dann ein Ereignis, das entscheidend für den Verlauf meines (und auch Wolkes‘) Alters sein sollte, etwas, das mein Leben veränderte. Naja, vielleicht nicht ganz so dramatisch, aber  auf jeden Fall meine Lebensqualität.

Ich saβ da irgendwann mal wieder an meinem Laptop, den ich mir natürlich auch gerade erst gekauft hatte so ganz in meiner Trendfarbe Schwarz… und guckte mir bei youtube irgendein Musikvideo an, als ich in der unteren Zeile eine sehr indirekte, total unauffällige Anzeige sah, nämlich in Form eines Links. Da lockte es: Discounts in deiner Stadt! Hm, Ermäβigungen in meiner Stadt, warum nicht. Bin ich doch zu meinen Studentenzeiten ind Deutschland doch immer eine treue Kundin bei Aldi, Penny, Plus und Co. gewesen. Ich verstand damals nicht, was der Unterschied zwischen der 55 Cent teuren Biomilch von Plus, und der 80 Cent noch teureren Nichtbiomilch von Spar sein sollte, um nur ein Beispiel zu nennen? Ich hatte es schon immer gerne günstig bei einer guten Qualität. Also klickte ich auf den Link der Firma, die in sämtlichen Ländern, darunter auch Deutschland und Mexiko (wo ich ja eigentlich lebe) vertreten ist: Groupon. Das ist so ein Ding, wo die Vertreter Drückerkolonnemäβig in jedem Geschäft den Geschäftsführer so lange unter Druck setzen und drängeln (bis sie es erreichen), dass er doch eine super gute Promotion macht, indem er über Groupon ein tolles Angebot erstellt, wo die Kunden keine Ahnung was alles bekommen, zu einem super ermäβigten Preis. Für den Kunden ist das eine feine Sache, denn der (oder die) kann Gutscheine zu recht niedriegen Preisen erwerben, die dann einen Wert von mehr als das Doppelte haben.

Gerade an diesem Tag gab es ein Angebot von einem Spa Salon mit über 90% Ermäβigung! Ich konnte es zuerst nicht recht glauben und suchte selbstverständlich nach dem Haken. Aber Probieren geht ja über Studieren und aus Dummheiten wird man meistens ja auch klüger, also registrierte ich mich und kaufte den Gutschein dafür. Das sah dann so aus, dass ich für umgerechnet ca. 15 Euro (eigentlich sind es ja hier Mexikanische Pesos, aber da ich es besser halte auf Deutsch zu schreiben, bin ich heute mal Deutsch-Leser freundlich), statt für ca. 180 Euro, eine Kopf-Nacken-Rückenmassage, ein Gesichts- und Dekolteepeeling und Feuchtigkeitsspendende Behandlung inklusiver Dampfbad und Ozonanwendung bekam, zudem noch Elektroschocks an selbst auszuwählende Problemzonen, habe da natürlich Hintern und die kleinen Miniröllchen an der Hüfte ausgewählt, wo dann hinterher irgendwelche anderen Lämpchen und Antifettcremes verwendet wurden, und am Ende musste ich mich für 15 Minuten in eine Ganz-Körper-Kapsel legen, die auf 75°C angeheizt wurde und wo ich satte 30 Kalorien (!!!) wahrlich verbrannte.

Das Ganze hat mehr als zwei Stunden gedauert, aber ich fühlte mich danach echt, ja, wie denn? Alt nicht wirklich, jung auch nicht mehr. Ich fühlte mich irgendwie tussig.

Wenn mich jemand vor etwa zwanzig Jahren mal gefragt hätte, was ich denn von Schönheitssalons hielte, hätte ich geantwortet, dass es nur was für neurotische, vorm Älter werden Angst habende Schnitten zwischen dreiβig und vierzig aus Harvestehude, der Elbchaussee oder wahlweise der Schlossallee - für andere feine Stadtteile jeglicher Stadt – wäre. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in dieses Alter und vor allem in dieses Vergnügen kommen würde. Niemals! Nun bin ich fast süchtig nach diesen dämlichen Groupons und verbringe viel Zeit in Friseursalons (alle 2 Monate), bei Frenchmanicure, Pedicure, bei irgendwelchen hautstraffenden Behandlungen, im Kino, Theater, schicken Restaurants, Cafés oder was sonst auch gerade im Angebot ist. Ich kann ja noch nichtmal sagen, dass ich Mengen an Geld dafür ausgebe – ist doch alles ganz billig!

Das Schlimmste Allerdings ist, dass ich nun auch Wolke mit reingezogen habe.

Neulich waren wir, kurz vor unseren Mega-Geburtstags-Gala-Feier (so mit landeskategorischen ultra eleganten Abendkleidern und so), in einem Friseursalon, und haben uns „neu erfinden lassen“. Gute Haarschnitte, gut gefönt, mit ganz neuem Selbsbewusstsein, sind wir dann durch ein In-Viertel in Mexiko Stadt gegangen - natürlich mit unseren Ansager-Chai-Tee-to-go Bechern. Selbstverständlich haben sich nicht nur Männer nach uns umgedreht. Von feindseligen, neidischen bis hin zu Bewunderungs-Blicken von Frauen, alles war dabei. Autos haben angehalten, damit wir über die Straβe konnten (mag ja sein, dass es in Deutschland zu den guten Manieren gehört, oder ganz einfach zur Straβenverkehrsordnung, aber hier in Mexiko hat das mal was zu sagen!), man hat uns den Vortritt gelassen, die Türen aufgesperrt etc. etc. etc. Nur ein junger Mann, der seine operierte Nase wie Hans im Glück in die Höhe streckte und den seine mit Mondscheinpomade gestylten Haare ungewöhnlicherweise verrieten, hat sich vor uns gedrängelt und uns nichtmal mit dem Arsch angeschaut. Wolke und ich wussten mit einem Blick: Wer nicht guckt ist schwul!

Zu Wolkes Geburtstag hielt ich es für äuβerst passend, dass ich ihr einen solchen Gutschein für eine traditionelle Massage mit uraltbewährten Methoden schenkte. Und weil es alleine ja nicht so viel Spaβ macht und ich auch keine Lust hatte, jemand anderen zu schicken, habe ich mir den doch gleich ebenso geschenkt. So kam es dann, dass wir heute verabredet waren, um uns weiterhin dem Schönheits- und Relaxwahn zu liefern. Um 17Uhr sollten wir an der Metrostation sein (na der U-Bahn eben). Ich war spät dran und ich fing schon an, mich unter Druck zu setzen und zu verurteilen, weil ich ganz genau wusste, dass ich es nicht pünktlich schaffen würde. Dann sagte ich mir selbst, dass es nun in dieser Stadt und diesem Land auch nicht die Welt ist, mal eine Viertelstunde später anzukommen.

Ich war zuerst da, wenige Minuten später kam auch Wolke und auf dem Fuβweg zu dem Spa erzählte sie mir, dass sie gerade von der Akupunktur käme. Eigentlich hatte sie ja den Termin um 13 Uhr gehabt, aber dort haben die sie so lange warten lassen, dass sie dann irgendwann auf der Liege lag, mit sämtlichen Nadeln am Körper und sie denen schlieβlich Dampf machen musste, dass sie sich mal beeilten, weil sie zum nächsten Termin musste. Entspannungs-Stress pur! Da liegt sie da benadelt, soll sich total relaxen und dann muss sie gleich zum nächsten Relax-Termin düsen. Das nenn ich mal das Paradoxon der modernen 30ig Jährigen.

Nichts desto Trotz, kamen wir extrem entspannt da raus, und wenn ich früher gewusst hätte, dass der eine schnuckelige Typ für die Gesichtsbehandlungen zuständig ist, hätte ich es gleich hintan gehängt. Aber man soll ja immer auch was für ein anderes Mal übrig lassen und daher tue ich das auch mit meinen lebensechten Anekdoten.

 

©Kirsten Liliane López Lüke

 

 

 

Kirsten LukeComment