Der Inder vor meinem Fenster

Vor meinem Küchenfenster befindet sich auf dem Dach des Nachbargebäudes die “Küche” des kleinen Schnellrestaurants und Süßigkeitenladens. Die kleine Wohnung, die ich mir mit dem Vater des Hauseigentümers teile, liegt ebenso im ersten Stock. Die Fenster sind verdunkelt, so dass man von außen nicht hinein gucken kann, es sei denn ich habe das Licht an. Um 5:30 Uhr morgens zu jedem Tag beginnt der Arbeitstag für den Koch und den Jungen, der die Tabletts voller bunter Süßwaren in allen möglichen Formen und Konsistenzen hinunter bringt. Unten werden sie an der Hauptstraße, die einzige in diesem kleinen Dörfchen, und günstig gegenüber dem “Busbahnhof” (der keiner ist aber alle Busse halten hier), an den Mann gebracht. Anscheinend erfolgreich, denn den ganzen Tag sitzt der junge Mann auf dem Dach in dieser halb offenen Hütte und rührt, kocht und knetet Massen an Ingredienzen, und formt und schneidet die Leckereien zu, während der Knirps (bestimmt nicht älter als 14) die Treppen mit leeren Tabletts rauf, und mit den vollen wieder runter läuft. Manchmal hilft auch der Chef persönlich mit, wenn er nicht gerade früh morgens, also so gegen 6 Uhr, eine “Eimerdusche” nimmt oder abends seine Trinkkumpanen bewirtet. Zum Glück behält er, wie auch der kleine Knirps, als auch der Koch, bei dieser indischen Art zu duschen stets immer seine Unterhose an. Ich beobachte gerne dieses Treiben, egal zu welcher Uhrzeit. Wenn ich mir morgens einen Chai mache, beobachte ich mit Verwunderung das morgendliche Hygieneritual. Wenn ich das Mittagessen vorbeireite, oder danach das Geschirr spüle, sehe ich dem Koch dabei zu, wie er auf einem sehr niedrigen Hocker (der diese Bezeichnung meiner Meinung nach nicht verdient) sitzt, in seinen blauen Shorts und seinem weißen Hemd und knetet und knetet. Die Ärmel sind hochgekrempelt und man sieht seine sehnigen, muskulösen Unterarme, die hier selten zu sehen sind, denn die große Mehrzahl der indischen Männer sind entweder Haut und Knochen da unterernährt oder aber weich und rundlich (wenn auch nicht dick) da es ihnen finanziell gut genug geht, um ausgediegen essen zu können. Er hat immer ein Cappy verkehrt herum auf. Seine Kinn langen, schwarzen Haare wellen sich an den Seiten um seine Ohren. Ich mag es, ihm bei seinen Tätigkeiten zu zusehen. Wenn er weiter hinten unterm Dach Schutz vor der Sonne sucht und die Masse knetet wirkt sein Gesichtsausdruck und seine ganze Körpersprache so, als ob er meditiert und nichts um sich herum mehr wahrnimmt. Hin und wieder rückt er ein wenig näher zu meinem Fenster. Dann hat er einen riesigen, industriellen Topf mit irgendwelchen gelben, weich gekochten Hülsenfrüchten oder ähnliches vor sich stehen. Sein Hemd zieht er vorher aus, bindet es sich um die Hüfte und sitzt dann im Unterhemd da, während beide Arme in den Topf hinein tauchen. Vorsichtig greift er mit einer Hand in die milchige Brühe hinein und holt gleich seine volle Hand wieder rauf. Die Masse zermalmt er behutsam mit beiden Händen. Jede Bewegung wirkt so gleichmäßig und gediegen, bedacht und gleichzeitig vollkommen natürlich, dass es mich an atmen erinnert. Er arbeitet immer mit dem gleichen Tempo, nie zu schnell, aber rhythmisch und sicher und höchst effizient. Vertieft in seine Arbeit, habe ich ihn noch nie ein Wort sagen hören und wenn, dann immer nur das Nötige. Sein hinter einem kurzen Vollbart verstecktes, aber weich und fein gezeichnetes Gesicht verrät Konzentration, aber keine Verbissenheit, Ernsthaftigkeit, aber absolute Zufriedenheit und vollkommene Hingabe, als ob diese Tätigkeit die einzige ist, die er auf der ganzen Welt ausüben möchte. Nicht weil er nichts anderes kann, sondern weil er nichts anderes will, ganz so, als ob es das einzige sei, was Sinn für ihn mache. Selbst das Geplapper und Gezwitscher des pubertierenden, zum Leben erweckenden Jungen, lenkt ihn nicht ab. Wenn überhaupt hebt er nur kurz den Kopf, um sich dann gleich wieder in seiner Welt zu verlieren. Ich beobachte seine bronzefarbene Haut, gleich die der Mexikaner, wie sie in der Sonne aussieht, seine großen Hände mit den langen Fingern, die behutsam und sicher alles anfassen, das zucken seiner Schultermuskeln, sein Gesicht mit der schmalen Nase und den dunklen Augen (und denke dabei, dass er für einen Inder sehr hübsch ist). Ich bewundere seine meditative Haltung und seinen ruhigen, zufriedenen Ausdruck. Die Stimmung, die er ausstrahlt, wie gerne würde ich mich in ihr verlieren. Ich lächle stumm und schweigend in mich hinein. Er und keiner sonst kann mich sehen, dennoch gilt dieses Lächeln ihm, denn mir wird klar, dass man zu einem zufriedenen Leben eigentlich nichts weiter braucht, als mit Hingabe und Konzentration oder konzentrierter Hingabe das zu tun, was man tun muss und will, egal um was es sich handelt. Vor allem aber braucht man seine innere Ruhe. 1. Juli 2012