Der Zweite Eindruck - Old Delhi

Heute war ich in Old Delhi und habe mir das Red Fort angesehen, eine riesige Festungs- und Palastanlage aus der Mogulzeit, ein Beispiel islamischer Architektur, eine Mischung aus rotem Sandstein und weißem Mamor. Der Weg dorthin war abenteuerlich, obgleich mir Rishi einen Abend vorher noch gezeigt hat, wie man die Metro benutzt, also war das nicht mehr so dramatisch und die Metro in Neu Delhi ist sehr gut und modern. Doch kaum kam ich aus der Station heraus, war der erste Schock und das Durcheinander: keine Hinweise, wohin ich gehen soll, enge Gassen, üble Gerüche, Gewusel vor einem Hindutempel, Bettler und Obdachlose. Normalerweise folge ich in solchen Fällen immer der Masse, doch hier gibt es keine Masse, der man folgen kann, weil die Masse überall ist und hingeht. Ich frage nach dem Weg zum Red Fort, beschließe aber nicht durch einen hässliche Gasse zu gehen, sondern durch eine schmale Passage, um kurz darauf auf einer großen Straße zu sein. Zwar hatte man mir gesagt, dass man das Red Fort nicht übersehen kann, aber ich sehe es dennoch nicht und laufe daher einfach darauf los. Hier in Old Delhi treffen die Beschreibungen der Reisenden zu: es ist laut, staubig, voll und übelriechend. Selbst wenn ich schon einiges gewöhnt bin, bedarf es einer gewissen Anpassung, an den vielen in extremer Armut lebenden Menschen vorbei zu gehen. Da man Deutschland nicht mal ansatzweise mit Indien vergleichen kann, ist Mexiko meine einzige Referenz, weshalb ich ständig Vergleiche anstelle. So in etwa bekomme ich die Idee, dass Mexiko Stadt so wie Delhi war, nur vor 40 Jahren. Entgegen allen Vorwarnungen, haben mich kaum Männer angelabert oder angebettelt und die wenigen, die mich um ein Foto baten waren schnell abzuwimmeln. Im Red Fort besuche ich auch das Museum zum Indischen Unabhängigkeitskampf, was mir sehr hilft, die Zustände zu verstehen, in dem sich das Land heute befindet. Dachte ich bisher, dass die Spanier in Mexiko ein Plündern und Ausbeuten betrieben haben, doch das ist nichts im Vergleich zu dem, was die Briten hier angestellt und bewirkt haben. Fremdschämen kommt auf und auch dieser hilfloser Wunsch, etwas gut machen zu wollen oder die Briten zu zwingen, Geld in dieses Land zu stecken, welches sie so zerstört haben. Heute habe ich zwei Extreme der Stadt kennengelernt: Old Delhi, von dem ich zum Glück erst hinterher erfahren habe, dass es mit eines der gefährlichsten Stadtteile sei und das Parlamentsviertel. Ersteres eng, klein, zusammengepfercht, schmutzig, chaotisch und laut. Letzteres großzügig angelegt, pompöse Architektur und ganz im britischen Sinne natürlich auch majestätisch. Auffällig sind die recht geringen Sicherheitsmaßnahmen: kaum Polizeiaufgebot, die Häuser sind nicht von meterhohen Wänden mit Natostacheldraht umzingelt, die Garagen stehen oft offen, ich sehe keine Bewachungskameras. In Mexiko verschanzt sich jeder, der ein wenig was auf sich hält aus Angst vor Einbrechern, Kidnappern und Attentätern. Auf den gegenüber liegenden Bürgersteigen hausen hin und wieder Obdachlose, die keinen zu stören scheinen. “Die da drüben stört deren Anblick nicht!” bemerkt Rishi zynisch. Mein Gastgeber steht seinen Landsleuten und Kultur sehr kritisch gegenüber und äußert sich selten positiv über sie. Er selber scheint mir von seinem Humor und seiner überdirekten Art fast schon deutsch. Seine Sicht auf die Dinge und das Leben haben allerdings eine tiefgründige Spiritualität, wie ich sie in Deutschland nicht zu finden vermag.