Confessions of an (un)pure Mind

Man kann den englischen Begriff “mind” oder auf Spanisch “mente” meiner Meinung nach nur schlecht ins Deutsche übersetzen. Denn Bewusstsein hat irgendwie eine andere Konnotation, nämlich die des Zustandes einer allgegenwärtigen Aufmerksamkeit bezüglich einer Situation oder eines (emotionalen, geistigen oder körperlichen) Zustandes. Wohingegen “mind” eher das geistige Kontinuum eines Lebewesens (ausgenommen von Pflanzen) und dessen unendliche Ansammlung von Erfahrungen, Taten und Gewohnheiten unendlicher Leben ist.
Dieses nicht fassbare Kontinuum ist das einzige Überbleibsel wenn wir sterben und ins nächste Leben mitnehmen. 
Als normalsterblicher Mensch erinnern wir uns natürlich nicht an ein vorheriges Leben und in den seltenen Fällen glauben Menschen überhaupt an Wiedergeburt. Doch wenn man wie ich praktizierende Buddhistin ist, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als daran zu glauben. Und zwar nicht, weil es von irgendwem aufgezwungen wird, sondern weil es auf natürliche Weise Sinn macht.
Oft wird von Nicht-Buddhisten angemerkt, dass man ja gar nicht an Wiedergeburt und den Konzept von ‘mind’ glauben kann, da nicht beweisbar, und Buddhismus vielmehr eine Lebensweise und keine Religion ist. Doch gerade weil diese beiden Konzepte nicht fassbar, messbar oder mit den bloßen Augen sichtbar ist, muss man an sie glauben - oder eben nicht. Wenn man es tut, dann weil man den Lehren Buddhas folgt und nach eigenem Studium und Hinterfragen erkannt hat, dass beides (Kontinuum und folglich Wiedergeburt) recht schlüssig ist. Und sofern Glauben ins Spiel kommt, spricht man eher von Religion und nicht von Lebensweise. Letzteres ist natürlich auch akzeptabel, ist aber nur dann als solches anzunehmen, wenn man an der Oberfläche des Buddhismus’ bleibt. Tut man das aber nicht, dann folgen hoch interessante, wirksame und mitunter sehr harte “Übungen” (im Sinne von engl. “practices”), um das Bewusstsein zu trainieren, es frei zu bekommen von all der Ignoranz bezüglich der wahren Natur aller Dinge und erkennen zu lassen, dass wir eigentlich schon erleuchtete Wesen sind.
Im Englischen reden wir von “purification of the mind” und selbst wenn es wörtlich als ‘Reinigen des Bewusstseins’ übersetzt werden kann, so bin ich eher der Meinung, dass damit eher gemeint ist, sich von den negativen Gedanken, Gefühlen und Eigenschaften im “Geist=mind” frei zu machen.
Wie im Katholizismus gibt es auch im Buddhismus die Praxis der “Beichte” (confession). Ein wesentlicher Unterschied liegt allerdings in der Motivation und teilweise im Ergebnis. In beiden Religionen geht es darum, seine negativen Taten und Gedanken zu offenbaren, um sich hinterher erleichtert zu fühlen. Doch während in der einen dieses Geständnis vor einem Priester und eigentlich recht anonym geschieht, geschieht es bei der anderen entweder individuell oder noch besser öffentlich. Damit ist nicht gemeint, dass sich jemand auf einen vollen Hof stellt und anfängt all seine peinlichen Geschichten publik zu machen, doch die buddhistischen Lehrer sagen, es ist hoch wirksam, seine negativen Aktionen des Sprechens, Handelns und Denkens vor der spirituellen Gemeinde (Sangha) oder seinen (spirituellen) Freunden einzugestehen. Das mag zwar am Anfang nach Demütigung klingen, und irgendwie ist es das auch, doch gerade weil es spirituelle Freunde sind, wissen wir, dass wir nicht beurteilt werden, dass keiner uns nieder machen oder hinterher gar damit erpressen wird. Wir vertrauen auf den Rat, das Mitgefühl und das Verständnis (Empathie) von ihnen. Was wir gleichzeitig damit üben, ist die "humbleness", also folglich unser Ego und unsere Arroganz bezüglich der Annahme, dass wir besser sind als andere, runter zu schrauben. 
Vor der sogenannten Sangha also etwaige (und in meinem Falle sind es doch unzählbar viele) negative Aktionen einzugestehen, hilft folglich auch, solche zukünftig zu unterlassen. 
Mir gefällt diese Idee zunehmend. Denn in den letzten Wochen ist mir aufgefallen, dass ich ja nicht die einzige bin, die was preiszugeben hat, ja nicht einmal einzigartiges zu sagen habe. Doch kaum einer will öffentlich eingestehen, was er negatives tut und denkt - ist ja viel zu peinlich und was werden die anderen von mir denken?! Gerade darum geht es ja: Sich frei zu machen von dem Ego der Perfektion und darauf zu scheißen, was für ein Bild andere von mir haben! Daher habe ich beschlossen, eine Art Geständnis-Buch zu führen, obwohl ich in diesem modernen Kontext eher von Geständnis-Blog sprechen sollte.
Ich meine, ein bisschen Übung in peinliche Geschichten zu erzählen, habe ich ja schon, daher sollte mir das sooo schwer auch nicht fallen. Und mir ist schon als Kind aufgefallen, dass je mehr ich preisgebe, desto weniger bin ich angreifbar und erst Recht erpressbar. Endlich wird mir klar, was der Spruch “Ist der Ruf erst ruiniert, lebt’s sich völlig ungeniert” bedeutet. Als ich nämlich klein war, erpresste mich meine Schwester mit etwas, was ich als Sechsjährige getan hatte und mir über Jahre auf peinlicher Weise leid tat und daher mich schämte, dass anderer es erführen. Und zwar dass ich sie mit einem scharfen - dem schärfsten unserer Küche - Messer bedroht habe. Und alles nur, weil sie ständig den Fernsehsender wechselte und mich nicht gucken lies, was ich wollte. Da ich noch kaum Deutsch, sondern nur Spanisch sprach und sie wiederum kaum noch Spanisch, dafür aber mehr Deutsch sprach, fühlte ich mich so hilflos, nicht mir ihr verbal streiten zu können, dass ich auf die “bessere” Idee kam, in die Küche zu rennen (sie lief mir natürlich neugierig hinterher) und das Messer auf sie zu richten. Das Geschrei, das folgte und die unvermeidliche und sofortige Petze scherte mir wer weiß was ein. Ich erinnere mich nicht mehr daran, ob mir meine Mutter eine geschellt hat oder nicht, aber meine Tat war schlimm genug, dass mich meine Schwester für ca. 4 Jahre damit erpresste. Immer dann, wenn ich etwas nicht tat, was sie von mir verlangte, drohte sie, es allen ihren Freunden zu erzählen. Das wollte ich natürlich nicht, weil es mir peinlich war, dass andere erkannten, was für eine böse Schwester ich sei (oder mich dafür hielten). Keine Ahnung woher ich die Einsicht bekam, oder schlichtweg das Selbstvertrauen, ihr eines Tages zu kontern und ihr einfach entgegenzuhalten, dass sie es doch ruhig tun soll. Ich erinnere mich noch gut an ihr Gesicht: total verdutzt und versteinert. Kein Wunder! Ich hatte ihr die stärkste Waffe gegen mich genommen und wurde zumindest für eine Weile unangreifbar.
Viele Personen denken, je mehr sie preisgeben, umso angreifbarer werden sie. Ich aber bin davon überzeugt, dass es genau umgekehrt ist. Nicht nur ist das ein positiver Effekt der Eingeständnisse, sondern auch die seelische oder geistige Reinigung des Bewusstseins.
Auf denn!