Wie ich zum Buddhismus kam... (Teil I)

Viele fragen mich, wie ich zum Buddhismus gekommen bin. Wenn ich das dann beantworte, nehme ich meistens die kurze, übersichtliche, sachliche Version der Geschichte: Den Jahreswechsel 2007 verbrachte ich in Cuernavaca bei meiner Freundin Paty. Paty ist eine übergewichtige, blonde, eigensinnige und sture Mexikanerin, die ganz und gar nicht mexikanisch wirkt. Sie hat immer Recht, sie kommandiert gerne rum, sie regt sich schnell auf, sie hat Astma und ist eine Santera. Bei ihr zu Hause stehen sämtliche schwarz-afrikanisch aussehende Figuren – schmale Männer mit Kugelbauch und Frauen mit üppigem Busen, an deren Hälsen hängen meistens bunte Ketten aus allerlei Perlchen, je mit der Farbe des jeweiligen “Heiligen” oder Orisha.

Paty hat jedenfalls schon sämtliches in Bezug auf Reliogion ausprobiert: Von Esoterismus, über Scientology bis sie bei der Santeria gelandet ist.

Sie ist angeblich hellseherisch veranlagt und sagt immer das, was sie gerade so bei einem “sieht”. Sie befragt auch gerne ihr Schneckenorakel. Also keine echten Glibberschnecken oder so, sondern diese, die man in so fancy Gürtel aus Indonesien verwendet.

Na jedenfalls war ich am 1. Januar bei ihr und bat sie um eine “Beratung” (so nennt man die Session, in der sie ihre Schnecken wirft und daraus irgendwie gewisse Antworten bekommnt, dessen Interpretation dann in einem fetten Buch der Orishas steht und dir helfen soll, deine Lebenslage zu verstehen).

Ich sagte ihr, dass ich eigentlich mit meinem Leben ganz zufrieden sei: ich habe meinen Job als Reiseleiterin, gebe privaten Deutschunterricht, habe die ehrenamtliche Arbeit bei Amigos de los Niños e.V. und zudem bin ich politisch sehr aktiv. Also hatte ich genug Geld, um in meiner schönen Altbauwohnung im historischen Zentrum von Mexiko Stadt allein leben zu bleiben, und überhaupt lief alles gut. „Dennoch“ sagte ich ihr „fehlt mir etwas. Und das ist bestimmt nicht ein Mann an meiner Seite. Aber ich verstehe einfach nicht was?!“

„Du musst deinen Tag intensiver leben.“

„Aber wie denn? Ich hab schon meine ganzen Aktivitäten. Noch mehr zu tun ist fast unmöglich!“

„Es geht nicht darum, dass du mehr tust, es geht darum, dass du das, was du tust, intensiver tust. Dass du intesiver lebst.“

Egal mit welchen Worten mir Paty erklärte, dass ich intensiver leben sollte, ich wollte es einfach nicht kapieren. Bis sie so ungeduldig wurde und fast schon genervt fragte:“Wenn du nur noch fünf Tage zu leben hättest, was würdest du tun?“

Ohne nachzudenken kam der Satz:“In den Tibet fahren.“

„Und hast du schon dich darum bemüht so eine Reise zu machen?“
„Nein.“

„Hast du schon geschaut, wie teuer es ist…?“

„…nein…“

„…ob du ein Visum brauchst…“

„…nein…“

„…welche Anbieter es gibt…?“

„…nein…“

„Ok, dann geh nach Hause, bring das mal alles in Erfahrung und komm erst dann wieder zu mir, wenn du die Antworten darauf hast!“

Noch am selben Abend googlete ich „Reisen – Tibet – Mexiko“ und kam unter anderem auf die Seite von Casa Tibet, einer kulturellen Einrichtung unter der Schirmherrschaft vom Dalai Lama, die die tibetische Kultur und Religion in Lateinamerika vertritt.

Im Mai 2008 sollte eine fast 3 wöchige Reise nach Tibet angeboten werden, in der auch viele Klöster und heilige buddhistische Stätten besucht würden. Das sollte aber 7000 Dollar kosten, also eine Menge Geld, das ich nicht hatte und auch nicht haben würde.

Na gut, dachte ich, dann spare ich halt ein paar Jährchen darauf. Ich surfte weiter auf deren Seite und schaute, was sie sonst noch alles machten: Meditation, Seminar hier und da über ein mitfühlendes Herz, Stärkung der Aufmerksamkeit und die Rolle des Bewußtseins während des Todes, Unterricht für eingeschriebene Schüler und (ach wie interessant!) einen Einführungskurs in den tibetischen Buddhimus. Wann? Anfang März. Wie teuer? Gut, auch erschwinglich. Meine Überlegung war, wenn ich schon in den Tibet fahre, dann kann ich mich auch schonmal darauf vorbereiten, um nicht wie so ein ahnungsloser, unwissender Tourist wie so manch einer in meinen Gruppen, da rumzugurken.

Wenig später schrieb ich mich für den Kurs ein, der Anfang März für ein ganzes Wochenende statt fand. Bis dahin tat ich dann auch nichts weiter in Bezug auf irgendwelche Reisepläne, las auch nicht mehr oder weniger über den Buddhismus als sonst und ging auch recht erwartungslos dem Termin entgegen. Es sollte ja nur eine Vorbereitungsmaßnahme sein.

Am Samstag traf ich extrem pünktlich am Veranstaltungsort ein, belegte einen Platz in der vierten Reihe am Rande und beobachtete so auffällig unauffällig alle Leute um mich herum und die, die reinkamen. Alles war vertreten: von aufgetakelten Tussis, businessmäßig aussehenden Frauen und Männern, Hippies und Leute wie du und ich. Das kann ja mal interessant werden! Denn so richtig in meiner Welt fühlte ich mich nicht.

Vorne in der zweiten Reihe ganz links saß ein ziemlich verkifft drein schauender Kerl (geil, der hat auch voll die Ruhe weg oder ist einfach nur total verlplant), mit längeren, zusammengebundenen Haaren, zwei Sitze neben mir eine gut gekleidete, schick geschminkte Frau (mann, um die Uhrzeit schon so aussehen? Da schlaf ich doch lieber ein wenig länger…). Irgenwannd betrat ein sympatischer Herr die Bühne, schätzungweise Ende dreißig, Anfang vierzig, mit einem angenehmen Aussehen ohne dass es ein Schönling war (gut, dann hoffe ich dass es hier nicht so was wie ein Club-der-Optimisten-Veranstaltung wird)  und stellte sich als Marco Antonio Karam (Tony), Gründer und Leiter von Casa Tibet México vor.

Dieser Tag veränderte mein Leben.

Ich weiß warum, kann es aber nicht beschreiben.

Tony zog uns in seinen Bann. Wir lachten viel, fühlten uns wie heimlich naschende Kinder ertappt, wenn er so typisch menschliche Eigenschaften laut dem Buddhismus erklärte und egal was er sagte, es machte alles Sinn. In diesen zwei Tagen fielen so viele Groschen, mir wurden die Augen geöffnet und mit einem Mal wusste ich, dass ich gefunden hatte, was mir in den vergangenen Jahren abhanden gekommen war: einen Weg.

Nach diesem Einführungskurs wachte ich auf und begann, mein Leben intensiver zu leben. Einen Monat später saß ich im zweiten Kurs, indem es mehr um Mediation ging und wie man durch diese seine negativen Verhaltensmuster ablegen kann, wie man seine Aufmerksamkeit steigert, wie man mitfühlender wird, wie man schwierige Situationen besser meistern kann und all solche Sachen. Als dieser dann vorbei war stand fest: Es gibt keinen Weg mehr zurück. Mein Leben hat etwas erfahren, dass ich nicht mehr leugnen kann. Es fühlte sich gut an und ich wusste: Ich muss mich als reguläre Schülerin bei Casa Tibet einschreiben.

So kam ich zum Buddhismus, so kam ich auf diesen Weg, der mich nach Hause brachte: Casa[1] Tibet. Und mit einem Mal verstand ich auch, dass ich nicht nach Tibet wollte oder musste, dass der Weg nach Tibet mich nach Tibet brachte, ohne dort gewesen sein zu müssen, dass der Weg das Ziel ist. Als ich das Begriff, wusste ich: ich bin angekommen.

Doch vielleicht fing das ganze auch ganz anders an und ich kam an den Buddhismus Jahre vorher: Irgendwann, und das ist einige Jahre bevor ich nach Mexiko zurückkehrte, ging ich mit einer Freundin durch Ottensen (in Hamburg) und kam am Schaufenster einer kleinen Bücherhandlung vorbei. In dieser war eine orange-gelbe Schachtel mit einem Buddha zu sehen. Wir blieben stehen und schauten uns die Bücher an und ich sagte:“Ich weiß nicht warum, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Buddhismus meine Religion ist.“

„Und warum kaufst du dir dieses Starter-Kit dort nicht und fängst an?“

„Ich weiß nicht, ich glaube es ist noch nicht meine Zeit dafür.“

Einige Monate später kam ich an der Buchhandlung erneut vorbei, diesmal ging ich aber rein. Ich öffnete die kleine Kiste und sah eine Buddhafigur, ein Mala (Gebetskette), Karten mit Sprüchen der großen buddhistischen Meister und ein Buch, das Übersicht zum Buddhismus geben sollte.

Das war der Anfang.

Dann ging meine Nachbaring und Freundin als Model nach Thailand und brachte mir eine kleine Buddhafigur mit. Damals hatte ich keine Ahnung, tat aber auch nichts dafür, um großartig mehr zu wissen. Heute weiß ich, dass es die Figur des historischen Buddhas war – Buddha Shakyamuni, Prinz der Shakyas und Thronfolger, der alles zurückließ und auf allen Luxus verzichtete, um den Grund und die Wahrheit aller Existenz zu ergründen und schließlich die Erleuchtung erlangte.

Mit selbiger Freundin ging ich auch mal in eine Ausstellung ins Völkerkundemuseum – lauter Buddhafiguren, dessen Unerschied ich nicht erkannte, dessen Namen mir nichts sagten. Wir sahen einem Ritual zu, den die buddhistische Gemeinde mit Hilfe einer Nonne vollzog. Zuerst warfen sie sich dreimal auf die Knie und berührten den Boden mit ihrer Stirn, dann sangen oder rezitierten sie sängerisch etwas und schließlich ging jeder zum Altar und begoss die Buddhafigur, die in einem schönnen Brunnen stand, mit Wasser.

Selbst nachdem das Ritual vorbei und die Halle leer war, standen Hanka und ich noch völlig verzaubert, verdaddert oder wie bestellt und nicht abgeholt da und schauten auf den Altar, neben dem noch die Nonne stand und uns beobachtete. Wer weiß wie lange, denn wir merkten es nicht.

„Ich würde voll gerne dazu gehören“ sagte ich mehr zu mir als zu Hanka, und sie antwortete: „Ja, das fühlt sich so schön an!“

Dann guckten wir die Nonne an, die ganz ruhig da stand, mit  ihrem rasierten Kopf und orangefarbenes Gewand. Sie erwiderte unseren Blick mit einem Lächeln und machte mit ihrem Hand eine Geste der Einladung zum Altar zu kommen und ebenso den „Buddha zu baden“. Etwas unbeholfen und befremdlich taten wir es auch.

Am selben Tag kaufte ich noch einen tibetischen Mala im Museumsschop. Auch wenn ich nicht wusste, was ich damit hätte anfangen sollen und ihn daher auch erstmal in meiner „Buddhisten-Starter-Kit-Schachtel“ aufbewahrte.

Es gab also weit vor meinem Eintritt in Casa Tibet Hinweise, Markiersteine oder Zufälle, wie einige sagen würden. Doch es gibt in meiner Glaubensrichtung keine Zufälle, nur Ergebnisse von vorherigen Aktionen, Resultate der Summe deiner Erfahrungen, Gedanken und Verhaltensmuster deiner gesamten Existenz. Also kam ich zum Buddhismus schon weit vorher. Wie weit vorher in meiner Existenzspanne? Wer weiß? Es ist mit Sicherheit das Ergebnis eines oder mehrerer vorheriger Leben.

 

© Kirsten Liliane López Lüke

[1] Casa ist das spanische Wort für Haus