Die Entscheidung meines Lebens

Seit gestern versuche ich herauszufinden, wann genau ich erwachsen geworden bin? Versuche mich zu erinnern, welcher Moment es war, an dem ich mich nicht mehr als Jugendliche fühlte, als kleine Studentin, als Mädchen. Wann war das erste Mal, dass ich mich als erwachsene Frau fühlte? War es das erste weiβe Haar? mein dreiβigster Geburstag? Der Tod meiner Groβmutter? Mein erstes Gerichtsverfahren?

Ich weiss, es gibt keinen Moment. Es gibt nur einen Übergang. Doch auch dieser scheint unbemerkt an mir vorbeigegangen zu sein, so dass ich ihn einfach nicht bemerkt habe. Es gab da ein paar Hinweise, Wegweiser – aber ich habe sie nicht wirklich realisiert. Ich habe sie gesehen, aber nicht wahrgenommen. Wie so viele Dinge, wenn man unaufmerksam und abgelenkt durchs Leben geht.

Gestern dann habe ich gemerkt, dass ich erwachsen geworden bin. Ich fühle mich nicht alt, vor allem im Herzen und im Kopf nicht, doch mit einem Schlag, ohne Vorwarnung merkte ich es. Es war nicht etwa durch die Entscheidung, weniger Feiern zu gehen, meinen Kleidungsstil zu verändern, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Es kam in Form eines Jobangebotes, von dem ich nie im Leben auch nur geträumt hätte, vor allem, weil ich mich nicht einmal bewerben musste. Man wollte mich wegen meiner Kenntnisse und Erfahrung und ich habe an sich kaum Mitstreiter für den Posten. Jeder sagt mir, dass ich den Job annehmen sollte. Ich hätte Aufstiegschancen innerhalb von zwei Jahren, ich wäre in einer Führungsposition, hätte ein Team mit mir, könnte Angestellte bekommen, wenn ich sie bräuchte, hätte ein Traumgehalt, wäre an der Karibikküste, würde Reisen können, könnte später ins Ausland versetzt werden. Karriere total.

Aber ich will ihn nicht. Und das macht mir Angst. Die Entscheidung zu treffen, zwischen einem sicheren Job und Gehalt, in dem ich alle materiellen Bedürfnisse gedeckt hätte, doch am Ende würde ich nur für die Arbeit leben, nicht für mich. Oder aber zwischen einem Leben, in dem ich nichts sicher habe. In dem ich nicht weiss, ob ich nächsten Monat genug zu essen haben werde, ob ich die Miete reinbekomme, etc. Doch die Entscheidung geht weniger um Gehalt, definierte Arbeitszeiten und Urlaub. Es geht vielmehr um die Richtung, in die ich mein Leben lenken möchte. Natürlich weiss ich, dass das nicht mein letztes Jobangebot ist, dass ich erst dreiβig bin und noch mein Leben vor mir habe etc. etc. etc. Doch mein Herz sagt mir, dass diese Entscheidung mein Leben markieren wird.

Ich war vor ein paar Wochen für elf Tage auf einer buddhistischen Veranstaltung in den USA. Eine sogenannte „Ermächtigung“, eine bestimmte Meditationspraxis auszuführen – die komplexeste die es im tibetischen Buddhismus gibt. Diese wird hauptsächlich nur vom Dalai Lama gegeben, und ich entschied mich ganz spontan, dabei zu sein. Ich hatte keine Ahnung, was „Kalachakra“ ist und was auf mich zu kam, aber ich wusste von Anfang an, dass die Erfahrung, die ich dort machen würde, mich, mein Wesen und mein Leben auf immer verändern würde. Das Einzige, was ich von dieser Ermächtigung wusste war, dass sie deine Bindung mit den Lehren Buddhas, dem sogenannten Buddhadharma verstärkt.

Während dieser Tage habe ich als Freiwillge viele beeindruckende Menschen gesehen und kennen gelernt und jede einzelne Begegnung, ob groβ oder klein, hat mich tief berührt. Umgeben von so vielen Tibetern, stolz in ihren traditionellen Trachten, ob Mann oder Frau, Erwachsene oder Kinder, alle vereint durch den Kampf ihrer entmachteten Nation, im Überlebenskampf ihrer Kultur, Sprache und natürlich vereint durch die gleiche Religion. Auch Umgeben von den vielen Mönchen und Nonnen, vor allem auch Westliche, inmitten von Unbekannten, mit denen ich das teile, was sich als das Wichtigste in meinem Leben herauskristallisiert. An diesem Ort zu sein, fühlte sich an, wie ein zu Hause zu finden, wie an einen Ort (und damit meine ich nicht wirklich einen reellen Ort) zu gelangen, von dem du weiβt hier gehöre ich hinvon hier bin ich, hier will ich sein und hier will ich bleiben. All diese Menschen waren mir so vertraut, dass ich nicht von ihnen getrennt sein wollte; und zum ersten Mal den Dalai Lama in Person zu sehen, war für mich jemanden zu finden, den ich schon lange suchte; wie einen Vater zu treffen, von dem ich glaubte es gebe ihn nicht.

Nach diesen elf Tagen, als es dann vorbei war, tat es fast weh. Es war nicht einfach nur diese Melancholie, die eintrifft, wenn die Sommerferien oder der Urlaub vorbei ist und man ganz genau weiβ, dass der Alltag auf einen Wartet. Es war und ist, als wenn man von seinem zu Hause verscheucht wird, wenn einem das genommen wird, was einem am dollsten ans Herz gewachsen ist. Es ist, einen kleinen Tod zu erleben.

Mir war klar, wie nie zu vor etwas so deutlich war, dass ich genau DAS für mein Leben wollte. Ich will mit diesen Menschen sein, ich will ihren Kampf zu meinen machen, mich für die gleichen Dinge einsetzen, ich will umgeben von ihnen und dem Buddhadharma sein. Damit will ich keineswegs sagen, dass ich mir den Kopf rasieren werde und als Nonne nach Nepal gehe, allerdings würde ich mein Leben am liebsten DAMIT verbringen.

Gestern also wurde ich vor diese Möglichkeiten gesetzt: Entweder ein Leben mit Karriere, Geld, Ruf und alles was das irdische Herz begehrt, oder aber ein Leben ohne all das, oder vielleicht nur ganz wenig, dafür aber in voller Freiheit zu sagen: ich brauch nicht mehr. Ich bin genau dort, wo ich bin, kann hingehen wohin ich will, wann ich will, bin frei von jedem Interesse an materiellen Dingen, ohne aber eine Art moderner Hippie zu sein. Ich möchte Geld verdienen, um mein Leben in die richtige Richtung zu lenken, um Menschen zu helfen, um etwas entscheidendes zu tun, ohne die Absicht, die Welt zu verändern. Ich möchte im Moment meines Todes denken können: Ich habe alles getan, was ich konnte, um ein guter Mensch zu sein, frei von Oberflächlichkeiten. Ich möchte nichts bereuen.

Die Entscheidung, den Sprung in die Freiheit voller ungewisser Dinge zu wagen, ist dennoch nicht einfach. Ich habe keinen blassen Schimmer, was mich erwartet, ob ich es schaffen werde. Aber da ich eh sterben werde, tue ich hier und jetzt und jeden Moment lieber das, wovon ich überzeugt bin und verschiebe nichts auf Morgen, nächstes Jahr oder in zwei Jahren, wenn ich in Rente gehe, wenn die Kinder aus dem Haus sind und und und.

Am Ende ist es so, wie wenn du aus einem dunklen Gebäude rauskommst und die Sonne scheint dir direkt ins Gesicht. Du kannst zwar zuerst nicht sehen, was um dich herum ist, aber du hast die absolute Gewissheit, dass es ein wunderbarer Tag werden wird.

 

30. Juli 2011

© Kirsten Liliane López Lüke